Juden in Groß-Karben: GeschichteWir bedanken uns für die freundliche Genehmigung,Auszüge aus "Zur Geschichte der Groß-Karbener Juden"(erschienen in "Karben - Geschichte und Gegenwart")hier veröffentlichen zu dürfen.Zur Geschichte der Groß-Karbener Juden von Helmut Heide(Das Buch ist nicht mehr erhältlich, jedoch in der Stadtbücherei Karben auszuleihen...)Aus der Vergangenheit der Juden in Groß Karben vor 1933...In den Jahren 1668, 1687, 1707 und 1710 stellten die Juden des Freigerichts Kaichen an das Friedberger Burgregiment (Regierung) den Antrag, im Burgterritorium eine Synagoge errichten zu dürfen. Dieses Ansinnen wurde jedoch jedes Mal energisch abgewiesen, da der Konvent der Burgmannen als christliche Obrigkeit nicht gewillt war, das als irrgläubig geltende Judentum auch nur im Geringsten zu fördern.Für die Ablehnung des diesbezüglichen Antrags im Jahre 1710 wurde als Begründung ein religiöser Krawall angeführt, der sich im September 1709 in Groß Karben zugetragen hatte. Der hier wohnhafte Jude Heyen hatte nämlich aus Anlass des jüdischen Neujahrsfestes versucht, einen öffentlichen Gottesdienst zu halten und dabei, den Traditionen des mosaischen Glaubens entsprechend, das Schofarhorn (Widderhorn) geblasen. Das führte zu heftigen Gegenreaktionen der Groß Karbener Christen, also zu einem öffentlichen Tumult. Den Juden war nämlich jeglicher öffentlicher Gottesdienst streng verboten. Heyems Versuch galt deshalb als etwas ganz Unerhörtes und wurde mit einer Geldstrafe von 200 Reichstalern belegt. Diese Summe war für damalige Verhältnisse ein Vermögen.In der Folgezeit änderte sich jedoch die Einstellung des Burgregiments zur Bewilligung von Synagogen. Den Juden des Freigerichts wurde am 4. September 1739 die Einrichtung einiger Gotteshäuser erlaubt.…Ein weiterer Beweis für blühendes jüdisches Gemeindeleben in Groß Karben, schon in früher Zeit, ist ein Aktenstück des Kirchenarchivs vom Jahre 1740. Es betrifft die Einrichtung einer jüdischen Privatschule.…Religiöse Einrichtungen der Judengemeinde...Die Synagoge in Groß Karben soll nach manchen Angaben 1840, nach anderen 1872 erbaut worden sein. Sie befand sich an der Heldenberger Straße 10.Bauzeichnung aus dem Jahr 1893im Zusammenhang mit dem Einbau eines Schornsteines.Die Synagoge wies 72 Männer und 36 Frauenplätze auf.In den Jahren 1905 u.1932 wurde sie renoviert(Artikel im "Isrealit" am 17.11.1932 >hier).Die Groß-Kärber Synagoge hat Edgar Braun (New York),ehemals Burg-Gräfenröder Straße 20 ,aus dem Gedächtnis gezeichnet.Auf dem dem Foto aus dem Jahr 1937 sind Isaak Markus (Heldenberger Str. 10) und Siegfried, "Siggis", Strauss (Bahnhofstr. 9) zu sehen.Die Synagoge, die am 9. Nov. 1938 ausgeraubt und niedergebrannt wurde,fotografierte Edgar Braun Ende Mai 1945,der nach Kriegsende bei der US-Militärregierung in Frankfurt beschäftigt war.Ein Gedenkstein (aufgestellt 1985)erinnert an die ehemalige Synagoge in der Heldenberger StraßeDer jüdische Friedhof soll etwa 1870 über einen älteren aufgeschüttet worden sein. Er liegt links vor dem Ortsausgang des Stadtteils Groß-Karben in Richtung Heldenbergen und kann - außer am Sabbat - betreten werden (Schlüssel im Rathaus abholen).Der Friedhof wurde nach dem Pogrom in Karben zerstört. 1957 wird die Instandsetzung des jüdischen Friedhofes beschlossen und 1960 abgeschlossen.(Fotos:Initiative Stolp.Steine Karben).____________________________________________________________________________ Zeichnungen und Bilder (schwarz/weiss) aus "Juden in Gross-Karben" von Helmut WeigandFarbbilder: Initiative Stolp. KarbenBis 1932 ...lebten jüdische und nichtjüdische Ortsbürger in Groß Karben einträchtig nebeneinander her. Wie sonst im Leben auch, konnte es zwar gelegentlich einmal zu einer Missstimmung zwischen einem Juden und einem anderen Bürger kommen, jedoch hatte das mit politischen oder rassischen Gründen nichts zu tun.1932 wurden hier jedoch eine Ortsgruppe der National-Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei (NSDAP) und ein SA-Sturm gegründet. Die NSDAP verfolgte nationalistische und völkische Ziele. Sie war infolgedessen scharf antisemitisch, d.h. antijüdisch eingestellt.Die NSDAP diffamierte die Juden als Blutsauger des Volkes, Betrüger, volks- und rassenfremde Elemente, die im Interesse der rassistischen Reinheit vom deutschen Volk abgesondert werden müssten. Die SA (Sturm-Abteilung) war dazu bestimmt, als bewaffneter Arm der Partei jeglichen politischen Widerstand gewaltsam zu brechen.Seit der Gründung dieser Organisationen war kein Friede mehr im Dorf. Juden wurden auf offener Strasse als „Juddesau“ beschimpft und vor den Häusern der Juden das berüchtigte „Sturmsoldatenlied“ gesungen, welches mit dem Refrain endet: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ei, da geht`s uns noch mal so gut!“Bei dem Juden Isidor Kulb wurde eine Sprengladung in die Dachkendel gelegt und gezündet, so dass diese auseinander flogen. Die Täter hatten sich nie ermitteln lassen.Diese Vorkommnisse zeigen, dass die Weimarer Republik, welche als erster wirklich freiheitlicher deutscher Staat nach dem verlorenen ersten Weltkrieg gegründet worden war, sich unfähig erwies, gefährdete Bevölkerungsgruppen vor dem Terror radikaler Organisationen zu schützen.Drangsalierung der Juden nach dem 30. Jan. 1933Als dann am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten, zunächst im Bunde mit den Deutschnationalen, Regierungspartei wurden, - wobei alle fortschrittsfeindlichen Kräfte wie Konservative, ostelbische Rittergutsbesitzer, Großindustrielle, und Bankiers Steigbügelhalterdienste geleistet hatten -, brach eine furchtbare Zeit auch über die Groß Karbener Juden herein: Belästigungen, körperliche Misshandlungen, eingeworfene Fensterscheiben, gezielte, systematische Geschäftsschädigungen. Vor den jüdischen Geschäften zogen uniformierte SA-Posten auf, Kunden wurden fotografiert und denunziert, oder in drohendem Tonfall angesprochen: „Was, du handelt auch mit Juden?“ Infolgedessen brach das jüdische Geschäftsleben zusammen.Seppel Junker wurde am Bahnhof Groß Karben von johlenden SA-Leuten empfangen und über den Steg am Selzerbrunnen bis zu seiner Wohnung in der Heldenberger Strasse regelrecht heimgeprügelt.Eine Groß Karbener Bürgerin, die als Nichtjüdin mit einem Juden ein Liebesverhältnis hatte, wurde ergriffen und die Haare wurden ihr abgeschnitten. Dann hängten die Nationalsozialisten ihr ein Schild um den Hals mit der Aufschrift: „Juden-Liebchen“. So ist sie am hellen Tag durch das ganze Dorf geführt worden.Man sah´s: Die völkische und nationale Erneuerung Deutschlands ging in sehr handgreiflicher Weise vor sich. Recht und Ordnung waren jedoch abgeschafft!… Die "Reichskristallnacht"...Am Abend des 9. November 1938 rückte der Sa-Sturm Okarben, der Schrecken der südlichen Wetterau, in Groß Karben ein: die jüdische Synagoge wurde ausgeraubt und gegen 21 Uhr angesteckt. Die neben ihr stehende Scheune von Seppel Junker ging mit in Flammen auf. Die angerückte Feuerwehr durfte jedoch nicht löschen. Sie wurde vom damaligen NS-Bürgermeister, der zugleich Ortsgruppenleiter der NSDAP war, daran gehindert.…Am nächsten Tag rückte der SA-Sturm Okarben abermals in das Dorf ein: Sämtliche männliche Juden wurden aus ihren Häusern geholt, in das Spritzenhaus gesperrt und dort mit Reitpeitschen so misshandelt, dass man sie ca. 500 m weit schreien hören konnte. Dann plünderte die Sa systematisch, bei Hugo Junker beginnend, alle jüdischen Häuser, raubte Wertsachen und zerstörte das Inventar. Möbel, Uhren, Nähmaschinen wurden auf die Strasse geworfen, das Kristall wohlhabender Juden mit SA-Stiefeln zertreten, die Betten aufgeschnitten und die Federn vom 1. Stock der Häuser aus auf das Pflaster geschüttelt. Die SA-Leute nannten das „Frau-Holle-spielen“! Die jüdischen Geschäfte fielen besonders gründlicher Plünderung zum Opfer. Große Glashäfen mit Bonbons wurden von innen durch die Schaufenster geschleudert(Mehr zum Pogrom in Groß-Karben >hier)...Am 12. Nov. 1938 wurden vieleder "arbeitsfähigen jüdischen Männer" aus Karbenin das KZ Buchenwald verschleppt.Unter den etwa 10 000 Männern auf dem "Appellplatz" im KZ Buchenwald warenaus Groß-Karben:Josef Junker, Heldenberg. Str.1 >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25222)Moritz Rosenthal, Heldenberg. Str.3 >bis 14. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 26045)Adolf Hirsch, Wilhelmstraße 16 >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25905)Julius Ross, Bahnhofstraße 24 >bis 01. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25236)Hugo Junker, Bahnhofstraße 34 >bis 16. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25237)Moritz Grünebaum,** Bahnhofstraße 6* >bis 12. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 29275)Heinr. Grünebaum, Bahnhofstraße 51* >bis 8. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25238)aus Okarben:Adolf Kahn Hauptstraße 55* >bis 14. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25 941)Hans Grünewald Großgasse 1* >bis 03. Feb. 1939 (Häftlingsnummer 26230)aus Burg-Gräfenrode:Alex Kirschberg, Freihofstraße 1 >bis ? (Häftlingsnummer 25226)Willi Löwenberg, Weißenburgstr.1 >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25232)* von Frankfurt aus verschleppt, da bereits vorher nach Frankfurt/M geflohen** Moritz Grünewald war vorher schon einmal vom 1.7. bis zum 27.10.1938 im KZ Buchenwald interniert______________________________________________________________________________________________Quelle: Thüringisches Hauptstaatsarchiv, WeimarFlucht und Deportation...Die Groß Karbener Juden reagierten unterschiedlich auf das ihnen angetane Unrecht. Ein Teil von ihnen, besonders die Wohlhabenden, die die Reise bezahlen konnten, wanderte aus und folgte damit dem Beispiel derjenigen, die in weiser Voraussicht der kommenden Dinge schon vor der „Reichskristallnacht“ dem Deutschen Reich den Rücken gekehrt hatten. Die Emigranten flohen in die USA, nach Südamerika, Südafrika, England, Frankreich, in die Schweiz und in die Niederlande. Keiner von ihnen ist je wieder in die Heimat zurückgekehrt. Manche sind jedoch noch in Holland oder Frankreich im Zuge der Kriegshandlungen von ihren nationalsozialistischen Häschern eingeholt, in die Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet worden.Die meisten verzogen in andere Orte in andere deutschen Städte, insbesondere Großstädte, vorzugsweise nach Frankfurt/M. Sie taten das in der falschen Hoffnung, hier unbehelligter als auf dem Land leben und so die NS-Zeit überstehen zu können. Manche sind schon kurze Zeit später von ihren neuen Aufenthaltsort in das Ausland weiter geflohen. Auf diese Art hatte die jüdische Gemeinde von Groß Karben den wohl größten Aderlass ihrer Geschichte erlitten.Besonders die armen Juden sind jedoch am Ort geblieben und während des Krieges, am 15.9.1942, im Zuge einer allgemein durchgeführten Deportation in die osteuropäischen Vernichtungslager verschleppt worden.…Nicht einmal schwerversehrte und mit hohen Orden ausgezeichnete Teilnehmer des Ersten Weltkrieges wie Moritz Roß (beinamputiert, Träger des EKI) wurden verschont. Das jahrhundertealte traditionsreiche jüdische Leben in Groß Karben war damit gewaltsam erloschen.…